Marlies Mohr

Kommentar

Marlies Mohr

An Kinder glauben

Gesund / 16.06.2016 • 18:16 Uhr

Die einen haben die Matura in der Tasche. Bei anderen raucht noch der Kopf. So auch bei meinem. Derzeit brütet er über allerlei mathematischen Formeln, wobei die Wahrscheinlichkeit, dass er viele davon später brauchen kann, ungefähr jener entspricht, die einem Mondflug meinerseits gleichkommt. Aber es gibt ein Arbeitspapier, und das arbeiten er und sein Freund akribisch ab. Unlängst ertönte jedoch auffälliges Gekicher am Tisch. „Was ist so lustig?“ „Mama, los amol“, kam es zurück. Ich hörte zu. Um es kurz zu machen: Ausgerechnet werden sollte das Wachstum der Scheitelsteißlänge beim Fötus in Abhängigkeit von der Schwangerschaftswoche. „Aha, und was bitte hat das in einer Berufsbildenden Höheren Schule, zumal in einer kaufmännischen, zu suchen?“, war mein erster Gedanke. Die Burschen hingegen kicherten weiter und versuchten sich an der richtigen Lösung.

Einmal davon zu hören, kann wohl nicht schaden. Die Frage ist, ob es Sinn macht, junge Leute mit Lerninhalten zu plagen, die sie schon vergessen haben, bevor die Schultüre hinter ihnen ins Schloss fällt. Wie oft war von Entrümpelung des Lehrplans die Rede. Passiert ist faktisch nichts. „Wenn die Kinder dann eine Prüfung verhauen, werden sie als dumm hingestellt“, echauffierte sich eine Mutter, deren Tochter beim Aufnahmetest für das Medizinstudium durchrasselte. „Aber“, meinte sie versöhnlich, „sie wird ihren Weg gehen.“ Meiner auch, wenngleich vermutlich ohne vertiefende Kenntnis des Scheitelsteißlängenwachstums. Wichtig ist, an Kinder zu glauben.

marlies.mohr@vorarlbergernachrichten.at