Marlies Mohr

Kommentar

Marlies Mohr

Leben und Lieben

Gesund / 06.05.2016 • 11:09 Uhr

Die alten Leute saßen eng umschlungen auf einer Bank. Der Mann hatte die Arme um die Taille der Frau gelegt, der Kopf ruhte an ihrer Schulter. Mit geschlossenen Augen und einem Lächeln im faltigen Gesicht lauschte er den Worten, die seine Begleiterin gestenreich von sich gab. Sie hatte, so schien es, viel zu erzählen. Und der Mann ließ sie reden. Hörte nur zu.

Was mochte dieses Paar zusammengeschweißt haben? Oder war zwischen zwei Fremden nach persönlichen Enttäuschungen eine neue Liebe erwachsen, die ihnen nun den Lebensabend verschönt? Die Antwort auf diese Fragen kennen nur die beiden. Und sie geht im Grunde auch niemanden etwas an. Auf jeden Fall aber bot sich den Vorübereilenden ein wunderbarer Anblick. Ein Anblick, der leider viel zu selten ist, weil Liebe und Zuneigung im Alter nichts in der Öffentlichkeit verloren haben. Zumal, wenn man es auch noch zeigen möchte. Da entspricht das Bild vom händchenhaltenden greisen Paar auf der Holzbank vor dem blumengeschmückten Haus schon eher dem immer noch gängigen Klischee.   

Dabei gibt es doch nichts Wohltuenderes als Menschen, die zu ihren Gefühlen stehen.

Egal, wie viele Lebensjahre sie schon auf dem Buckel haben. Es mag in den Ohren von Jungen abgedroschen klingen, aber Liebe darf keine Frage des Alters sein, und schon gar nicht soll man sich damit verstecken müssen. Nur, weil andere das vielleicht nicht schicklich finden. Pfeifen Sie auf die Etikette. Das Leben hat auch mit Hundert noch viel zu geben.

marlies.mohr@vorarlbergernachrichten.at