Stark werden für das Leben

Gesund / 17.07.2015 • 11:20 Uhr
Ihre Fähigkeiten ohne Druck ausloten zu können, das verschafft den Jugendlichen Spielraum. Foto: pro Mente
Ihre Fähigkeiten ohne Druck ausloten zu können, das verschafft den Jugendlichen Spielraum. Foto: pro Mente

Seelisch kranke Jugendliche finden bei Ju-on-Job wieder eine Perspektive.

dornbirn. (VN-mm) Die Räume sind groß, hell und freundlich. An Tagen wie diesen kann es drinnen zwar ein bisschen warm werden. „Aber ansonsten passt alles“, ist auch Werner Stückler (50) mit der Situation zufrieden. In der Zanzenberggasse in Dornbirn hat Ju-on-Job, ein Projekt der pro mente Vorarlberg für Jugendliche in schwierigen Lebensphasen, eine neue Heimat gefunden. Hier können sie sich langsam an die Alltäglichkeiten des Lebens gewöhnen, ihre Fähigkeiten ausloten und auf diese Weise ihren Weg zurück in die Gesellschaft finden.

Seit 2008 wurden 145 junge Frauen und Männer in diesem Prozess unterstützt. 94 haben den Schulabschluss nachgeholt, sind in ein Arbeitsprojekt gewechselt, absolvierten eine Lehre oder bekamen einen Arbeitsplatz. Stolz kann Stückler, der das Projekt aufgebaut hat, von einer 70-prozentigen Vermittlungsquote berichten.

Persönliche Belastbarkeit

Während der Sommermonate ist die Werkstatt wie leergefegt. Nur einige wenige Jugendliche sind hier. Sie töpfern, werken mit Holz oder räumen rund ums Haus auf. Zu anderen Zeiten halten sich bis zu 16 Mädchen und Burschen bei Ju-on-Job auf. Die einen kommen vormittags, die anderen erst nachmittags, aber jeder darf seiner persönlichen Belastbarkeit entsprechend arbeiten. „Wir haben Jugendliche, die halten eine Beschäftigung nur zwei Stunden am Tag aus“, erzählt Werner Stückler. Weil mehr eben in diesem Moment nicht geht. Sie dort abholen, wo sie mit ihrem Leistungsvermögen stehen und sie dann sukzessive an mehr heranführen ist ein Credo, das sich der Werkstattleiter auf die Fahnen geheftet hat. „Bei vielen braucht es Zeit, bis ein 8-Stunden-Tag möglich ist“, bestätigt Teamkollege Robert Sommerburger (50). Denn es geht vor allem darum, die mit seelischen Problemen kämpfenden jungen Menschen stark zu machen. Stark für die Schule, für eine Lehre, fürs Leben.

Sicherheit und Mut

In eine Lehre starten, das möchte auch Karin. „Bei Ju-on-Job kann ich mich auf die Arbeitswelt vorbereiten, habe eine sinnvolle Beschäftigung und lerne Pünktlichkeit und Verlässlichkeit“, sagt sie. Für Martin bedeutet Ju-on-Job auch Reha. Er will sich hier von seiner Krankheit erholen. Das verstehen alle, und das gibt ihm Sicherheit, aber auch Mut. „Ich möchte mindestens zu 80 Prozent wieder arbeiten können“, nimmt er sich als Ziel vor. Auch Stefan möchte mit Ju-on-Job den Einstieg in die Berufswelt schaffen, irgendwann eine Lehrstelle finden, als Busfahrer arbeiten und sich mit dem Einkommen eine eigene Wohnung leisten. „Jeder Mensch möchte einen Platz in der Gesellschaft. Nur fährt für manche der Zug zu schnell, um aufzuspringen“, meint Werner Stückler. Deshalb würde er sich von den Unternehmen mehr Teilzeitjobs für solche Menschen wünschen.

Zwischen 14 und 18 Jahre alt sind die Jugendlichen, die bei Ju-on-Job unterkommen. Eine fachärztliche Betreuung ist Voraussetzung. Das Land finanziert diese Art von Reha. Selbst erwirtschaftet werden muss das therapeutische Taschengeld, das die Jugendlichen als kleine Wertschätzung erhalten. An Aufträgen mangelt es der Werkstatt aber nicht, wie Stückler bestätigt. Ein bisschen Geduld müssten die Kunden halt aufbringen, merkt er an. Das tun sie offenbar.

Kreatives Arbeiten

Im vergangenen Jahr kam ein neuer Fachbereich dazu, der den Jugendlichen Erfahrungen in kreativen Arbeiten wie Töpfern, Dekorieren, Grafik und Design ermöglichen. Hergestellt werden Alltagsgegenstände aus Keramik und Porzellan. Werktherapeutin Jutta Ammon (37) will den Jugendlichen auf Augenhöhe begegnen. Dadurch lasse sich Vertrauen aufbauen. Sie ist da, wenn sie gebraucht wird, ansonsten hält sie sich im Hintergrund. „Nicht alle mögen Nähe“, erklärt sie. Die gelernte Druckvorstu­fentechnikerin hat jetzt auch mit der Gestaltung kleinerer Drucksorten wie Falter oder Einladungen begonnen. „So lernen die Jugendlichen, dass mit einem Computer auch Sinnvolles gemacht werden kann“, sagt Werner Stückler mit einem Schmunzeln.

Ihre Fähigkeiten ohne Druck ausloten zu können, das verschafft den Jugendlichen Spielraum. Foto: pro Mente
Ihre Fähigkeiten ohne Druck ausloten zu können, das verschafft den Jugendlichen Spielraum. Foto: pro Mente
Werner Stückler, Jutta Ammon und Robert Sommerburger (v. l.) begleiten die Jugendlichen durch den Tag. Foto:pro mente
Werner Stückler, Jutta Ammon und Robert Sommerburger (v. l.) begleiten die Jugendlichen durch den Tag. Foto:pro mente
Werner Stückler, Jutta Ammon und Robert Sommerburger (v. l.) begleiten die Jugendlichen durch den Tag. Foto:pro mente
Werner Stückler, Jutta Ammon und Robert Sommerburger (v. l.) begleiten die Jugendlichen durch den Tag. Foto:pro mente
Werner Stückler, Jutta Ammon und Robert Sommerburger (v. l.) begleiten die Jugendlichen durch den Tag. Foto:pro mente
Werner Stückler, Jutta Ammon und Robert Sommerburger (v. l.) begleiten die Jugendlichen durch den Tag. Foto:pro mente