Gefährliches Trio: Hypertonie, Diabetes und die Fettsucht

Nierenspezialisten fordern Umsetzung eines Betreuungsprogramms für Betroffene.
Schladming. Wie sehr die wachsende Körperfülle der Menschen in der westlichen Industriegesellschaft für einen Zuwachs an chronisch Nierenkranken sorgt, zeigt sich in den USA: Dort steigt die Zahl der Personen mit terminalem Nierenversagen schon seit Jahren beständig an. Das sei ein Vorbote der auch für Österreich zu erwartenden Entwicklung, hieß es bei der Apothekertagung in Schladming.
In Österreich ist der Einfluss des Trios von Hypertonie, Diabetes und Adipositas in groben Umrissen auch regional abzulesen. In Kärnten kommen pro Jahr 186,5 Menschen pro Million Einwohner neu zur Nierenersatztherapie. In Oberösterreich sind es 167,3 Patienten pro Million Einwohner (Steiermark: 157,4; Wien: 149,6; Niederösterreich: 127,4; Salzburg: 118,0; Burgenland: 108,3; Vorarlberg: 99,5; Tirol: 77,0). Der Österreich-Durchschnitt (alle Daten aus dem Jahr 2012) läuft auf 140,1 neue Dialysepatienten pro Jahr und Million Einwohner hinaus. Roh zeigt sich auch in dieser Statistik der Konnex mit dem durchschnittlichen Körpergewicht (BMI) bzw. den Diabetes-Raten mit seinem West-Ost-Gefälle in Österreich.
Betreuungsprogramm
Für den Grazer Nephrologen Alexander Rosenkranz wäre die Umsetzung eines bereits von den österreichischen Nierenspezialisten ausgearbeiteten Betreuungsprogramms für Menschen mit chronischen Nierenschäden, das sich „60/20“ nennt, entscheidend für die künftige Entwicklung. „Man muss wirklich nicht alle Menschen auf Nierenschäden screenen“, betonte er. Doch Risikopersonen sollten möglichst früh entdeckt werden, um bei ihnen die „stumme“ Entwicklung der Erkrankung so weit zu bremsen, dass es nicht oder erst sehr spät zum Nierenversagen kommt. „Menschen mit nur noch 60-prozentiger Nierenfunktionsrate sollten gescreent werden. Man muss die Hochrisikopatienten identifizieren“, lautete der klare Appell des Spezialisten an die Gesundheitsverantwortlichen.
Ab einer nur noch verbleibenden Nierenfunktionsrate von 20 Prozent sollte dann intensiv und mit allen möglichen Mitteln behandelt werden. Immerhin hätten 10 bis 13 Prozent der Bevölkerung eine Nierenfunktionsrate von weniger als 60 Prozent. Bei diesem Stadium beginnt die Häufigkeit hoch gefährlicher Herz-Kreislauf-Krankheiten dramatisch zu steigen. Männer sind von Nierenproblemen übrigens stärker betroffen als Frauen.
Wenig wissenschaftliche Basis
Wenig wissenschaftliche Basis haben laut dem Feldkircher Nephrologen Karl Lhotta die von der Industrie mitbetriebenen Lifestyle-Trink-Kampagnen und die auch von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) propagierte Salzkonsum-Restriktion, Letztere vor allem zur Bekämpfung der Hypertonie. „Pro Minute liegt der Blutfluss durch die Nieren mit einem Gesamtgewicht von nur 300 Gramm bei 1,2 Liter. Pro Tag rückresorbieren die Nieren 178 Liter Flüssigkeit, 1,5 Kilogramm Salz, 180 Gramm Glukose und 50 Gramm Aminosäuren.“ Die Nieren hätten als primäre Aufgabe, das arterielle Blutvolumen aufrechtzuerhalten. Da der Mensch in seiner evolutionären Entwicklung niemals davon ausgehen konnte, eine kontinuierliche Flüssigkeitszufuhr zu haben, könnten die Nieren sehr breit mit unterschiedlichen Bedingungen – zu wenig Flüssigkeitszufuhr, mehr oder weniger Bedarf – zurechtkommen. „Sie schaffen eine Flüssigkeitszufuhr von einem halben Liter pro Tag genauso wie eine Zufuhr von zwölf Litern.“ Da müsse niemand in der westlichen Welt mit industriell erzeugten und in Plastik verpackten Getränken zum „Nuckeln“ durch die Großstadt marschieren.
Salzkonsum in Diskussion
Ähnlich ist laut dem Experten die Situation bei der gegen den Bluthochdruck propagierten Salzreduktion in der Ernährung. Angestrebt wird ein Konsum von höchstens fünf bis sechs Gramm Kochsalz pro Tag. „Ist das wirklich klug?“, fragte der Fachmann aus dem Landeskrankenhaus Feldkirch. Beobachtungen hätten gezeigt, dass die Sterblichkeit von Menschen mit niedriger Salzaufnahme höher sei. Bei einem Konsum von sechs bis acht Gramm Kochsalz sei sie am niedrigsten. Und das entspreche derzeit „österreichischer Kost“, die nicht als besonders gesund angesehen wird.