Vom Lauf des Lebens
Es war keine dieser ferngesteuerten Funkuhren, die auf heimtückisch leise Art unser Dasein beherrschen. Was da an der Wand hing, war ein Produkt vom alten Schlag. Tack, tack, tack: Aufdringlich, ja beinahe obszön hallte der Klang des Sekundenzeigers wider, füllte die Stille in der Küche des alten Hauses. Und hatte der seinen Lauf beendet, rückte der Minutenzeiger vor. Ebenso hörbar, ebenso laut nagte er an der Zeit.
Das Paar saß auf dem Sofa und starrte wie paralysiert auf die alte Uhr. So bewusst hatten sie das Teil noch nie wahrgenommen. Lag es am neuen Jahr, das eben erst begonnen hatte und sich trotzdem schon wieder fortgeschritten anfühlte? Oder lag es am eigenen Alter? Aber Mitte 50 ist doch noch kein Alter, sagten sie sich. Oder lag es einfach an der trostlosen Stimmung draußen? Wobei, vorher hatte man trotzdem gescherzt und höflich über halblustige Witze gelacht. Auf jeden Fall herrschte plötzlich Schweigen, das nur vom Ticken der Uhr durchbrochen wurde. Aber beide dachten das Gleiche: So hörte es sich also an, dieses Abzählen der Lebenszeit. Sie saßen da, händchenhaltend, als ob diese Geste den anderen vor der Unwiderruflichkeit dieser Tatsache retten könnte.
Doch dann machte der Melancholie die Erkenntnis Platz, dass sich der Lauf des Lebens nicht aufhalten lässt, weder vom Auf-die-Uhr-Starren noch durch sonst etwas, und dass eine Lösung darin besteht, jeden Tag zu genießen. In irgendeiner Form. Da kann schon das kleinste Erlebnis ein großer Lichtblick sein. Man muss es nur als solchen sehen.
marlies.mohr@vorarlbergernachrichten.at
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