Besondere Minuten
Das Haar noch zerzaust, der Blick aus blauen Augen leicht verschleiert: So stand er am frühen Abend auf der Treppe. Sie war gerade von der Arbeit nach Haus gekommen, er vermutlich erst aus den Federn gekrochen. Sie sahen sich an. „Na, wie geht’s?“, fragte die Mutter. „Gut, warum?“, antwortete der Sohn. „Nur so“, meinte die Mutter. Und: „War wohl eine lange Nacht?“ „Ja“, kam es kurz und bündig zurück. Es folgte ein kleiner Moment des Schweigens. Doch dann sprudelte es aus ihm heraus wie aus einer Quelle, die plötzlich entdeckt hat, dass es auch ein Leben außerhalb des Berges gibt.
Sie hat nicht auf die Uhr geschaut, während sie im Flur standen und er mit jugendlicher Unbekümmertheit über die Stationen der vergangenen Nacht erzählte. Haarklein und detailliert. Es müssen wohl ein paar Minuten gewesen sein. Jedenfalls wurde ihr plötzlich warm. Warm ums Herz. Aber nicht nur, weil sie immer noch in Jacke und Winterstiefeln steckte, sondern weil der hochaufgeschossene Blonde vor ihr über sein Erlebtes redete wie ein Wasserfall. Sie lächelte. Alles klar, alles bestens. Die Verbindung ist noch intakt.
Halten Sie sie aufrecht, bleiben Sie mit Ihren Kindern in Kontakt. So alt können die nämlich gar nicht werden, als dass sie nicht jemanden brauchen, dem sie alles anvertrauen können. Oder zumindest viel. Ein paar Geheimnisse dürfen sein. Die haben wir auch. So lange sie von sich aus erzählen, ist die Welt auch abends um sieben noch in Ordnung. Ich wünsche Ihnen im neuen Jahr viele gute Gespräche mit Ihren Kindern.
marlies.mohr@vorarlbergernachrichten.at
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