Vom Voodoo zur Therapie

Stoßwellen könnten auch bei Verletzungen der Nerven neue Möglichkeiten eröffnen.
Schwarzach. (VN-mm) In die Orthopädie hat die Behandlung mit Stoßwellen längst schon Eingang gefunden. Auch bei nicht heilenden Knochenbrüchen bewährt sie sich. Doch Experten wie der am Unfallkrankenhaus Wien-Meidling tätige Arzt Wolfgang Schaden wollen mehr Anwendungsgebiete auftun. Und sie sind auf gutem Weg. Am Freitag, 8. August, findet dazu im Hotel Kaiserstrand in Lochau ein Experten-Round-Table statt.
Sie gelten als Pionier in der Verbreitung bzw. Anwendung der Stoßwellentherapie. Wie sind Sie dazu gekommen?
Schaden: Eigentlich durch Zufall. Als Unfallchirurg habe ich mich immer sehr für die Knochenheilung interessiert. Und dieser Bereich war das erste Anwendungsgebiet für Stoßwellen außerhalb der Urologie. Ich hielt es für unmöglich, dass Knochenbrüche durch Stoßwellen heilen. Deshalb führte ich 1996 meine erste Studie durch. Ich wollte nachweisen, dass es nicht funktioniert. Aus verschiedenen Krankenhäusern wurden mir ausgesucht schwierige Fälle von Patienten mit komplizierten, nicht heilenden Knochenbrüchen geschickt. Insgesamt waren es 40, bei 21 erwies sich die Stoßwellentherapie als erfolgreich.
Hat Sie das überzeugt?
Schaden: Es hat mich neugierig gemacht, und ich begann, mit größeren Patientenzahlen zu arbeiten. Bis zum Jahr 2000 konnten wir die Erfolgsrate auf 75 Prozent steigern, heute erreichen wir über 80 Prozent. Es gibt inzwischen auch eine internationale Gesellschaft (ISMST), in der sich über 50 Länder einbringen. Einmal jährlich treffen wir uns zum Erfahrungsaustausch. Die Stoßwellentherapie hat in den vergangenen fünf bis sieben Jahren eine enorme Entwicklung genommen. Um die Anwendungsgebiete zu erweitern, braucht es aber noch mehr Kenntnisse darüber, warum die Therapie so funktioniert, wie sie funktioniert.
Heißt das auch, dass sie schon im medizinischen Alltag etabliert ist?
Schaden: Das wiederum ist so eine Sache. Bei orthopädischen Anwendungen besteht eine gut gesicherte Datenlage. Da gibt es kaum eine Therapie, die mit der Stoßwellentherapie mithalten kann. In anderen Bereichen dauert es oft lange, bis sich neue Therapien durchsetzen. Bei Pseudoarthrosen, also Knochenbrüchen, die trotz optimaler Versorgung monatelang nicht heilen, ist die Stoßwellentherapie in Österreich als „erste Wahl“ inzwischen ebenfalls anerkannt. Hier zeigen die Daten, dass mit einer 20-minütigen Behandlung die gleichen Ergebnisse erzielt werden wie bei einer Operation, nur eben mit weniger Belastungen für den Patienten und, was heute von besonderer Bedeutung ist, mit signifikant geringeren Kosten. Hier nimmt die Unfallchirurgie sicher eine Vorreiterrolle ein.
Wo sind die besten Einsatzmöglichkeiten?
Schaden: Die klassischen Anwendungsgebiete sind Sehnenansatzerkrankungen wie Tennisellbogen, Fersensporn und „Kalkschulter“, also Kalkeinlagerungen in den Sehnen um die Schulter. Da ist die Stoßwellentherapie österreichweiter Standard. Die Allgemeine Unfallversicherungsanstalt hat diese Technologie übrigens schon zu einem Zeitpunkt gefördert, als sie noch im Voodoo-Bereich angesiedelt war. Sie trug viel zur Forschung bei und stattete auch ihre Krankenhäuser früh mit den entsprechenden Geräten aus. Im UKH Wien-Meidling, wo ich arbeite, wurde die Stoßwellentherapie anfangs hauptsächlich bei nicht heilenden Knochenbrüchen eingesetzt.
Wie ging es weiter?
Schaden: Als Nebeneffekt dieser Behandlungen hat sich gezeigt, dass unter Stoßwellen offenbar auch Hautdefekte und chronische Wunden abheilen. Somit war ein nächstes Anwendungsgebiet erschlossen. Denn es bedeutete, der Einsatz von Stoßwellen könnte bei allen lädierten Geweben von Vorteil sein. Was sich dann, nach ausgiebigen Voruntersuchungen, im Rahmen einer Pilotstudie bei Patienten, die eine Bypass-Operation benötigten, auch bestätigte. Während des Eingriffs am offenen Herzen haben wir Stoßwellen auf den vernarbten Herzmuskel aufgebracht. Es zeigte sich eine deutlich verbesserte Durchblutung und Herzfunktion.
Wo liegt die Zukunft dieser Therapie?
Schaden: Es scheint möglich, durch Stoßwellen köpereigene Stammzellen anzulocken und so zu stimulieren, dass sie krankes Gewebe regenerieren bzw. ersetzen. Auch das zentrale Nervensystem interessiert uns. Abgesehen davon, dass sich die Reha-Zeit bei solchen Erkrankungen verkürzen lassen sollte, haben erste Versuche auch bei Querschnittgelähmten eine Verbesserung ihres Zustands erbracht. Wir hoffen, dies bald durch klinische Studien belegen zu können. Stoßwellen sind aber auch in der Kosmetik verbreitet. So ist etwa ihre Wirkung bei Zellulite nachgewiesen. Das für uns Ärzte spannendste Thema ist jedoch die mögliche Regeneration von Geweben durch körpereigene Stammzellen.
Hält die Therapie immer, was sie verspricht, oder kommt es auch zu Versagern?
Schaden: Die gibt es natürlich auch. Bei nicht heilenden Knochenbrüchen beträgt die Versagerquote etwas weniger als 20 Prozent. Beim schmerzhaften Fersensporn liegt die Erfolgsrate bei fast 90, beim Tennisellbogen zwischen 65 und 70 Prozent. Warum die Therapie so unterschiedlich wirkt, wissen wir noch nicht. Aber die gute Nachricht ist, dass ein Misserfolg zu keiner Verschlechterung der Situation führt und auch jede weitere Behandlung keine Nachteile bringt.
Wie ist es um die Bekanntheit der Stoßwellentherapie bei den Patienten bestellt?
Schaden: Laut meinen Erfahrungen ist die Stoßwellentherapie inzwischen so etwas wie Allgemeingut geworden. Man kennt sie also. Bei den Leuten noch nicht durchgedrungen ist, dass wir keine Schäden verursachen. „Schießen Sie mir die Kalkschulter weg“, heißt es oft. Dabei sind durch Stoßwellen, wie wir sie verwenden, keine mechanischen Einflüsse gegeben. Was passiert, ist, dass die Blutgefäße einwachsen, gesundes Gewebe nachkommt und der Kalk vom Körper langsam abgebaut wird.
Ist die Behandlung schmerzhaft und wie lange dauert die Heilphase?
Schaden: Der Patient spürt während der Behandlung einen leichten Schmerz, der für uns als Rückmeldung jedoch wichtig ist. Die Heilung dauert acht bis zwölf Wochen, etwa genauso lange wie nach einer Operation.
Übernehmen Sozialversicherungsträger die Kosten?
Schaden: Das ist von Kasse zu Kasse und von Bundesland zu Bundesland verschieden.
Stichwort
Stoßwellentherapie. Als Stoßwelle wird eine akustische Druckwelle bezeichnet, die mit Überschallgeschwindigkeit erzeugt wird. Aufgrund der weltweit durchgeführten Grundlagenforschung konnte nachgewiesen werden, dass Stoßwellen eine „biologische Antwort“ im behandelten Gewebe auslösen, ohne Schäden zu verursachen. Unter ihrem Einfluss werden verschiedene Proteine, sogenannte Wachstumsfaktoren gebildet, die über die Neubildung von Blutgefäßen die Heilung einleiten.