„Nicht abraten, sondern beraten“

Gesund / 25.07.2014 • 13:46 Uhr
Eine Mammografie kann Brustkrebs schon in einem sehr frühen Stadium aufdecken, aber auch falsche Befunde liefern.  Foto: VN
Eine Mammografie kann Brustkrebs schon in einem sehr frühen Stadium aufdecken, aber auch falsche Befunde liefern. Foto: VN

Auch praktische Ärzte setzen sich intensiv mit dem Thema Screening auseinander.

Bregenz. (VN-mm) Vorsorgescreening ja oder nein? Auch in allgemeinmedizinischen Praxen stellt sich diese Frage. Und zwar vor allem im Rahmen von Vorsorgeuntersuchungen. „Wir wollen nicht vom Screening abraten, sondern die Patienten so beraten, dass sie eine gute Entscheidungsgrundlage haben“, erklärt Dr. Thomas Jungblut, praktischer Arzt und Präsident der Vorarlberger Gesellschaft für Allgemeinmedizin (VGAM). Und es gehe um das Abwägen von Nutzen und Risiko. Denn: „Screenings können tatsächlich auch Schaden anrichten. Sie führen beispielsweise zu einer im Allgemeinen unterschätzten Zahl an Überdiagnosen, die in weiterer Folge unnötige Therapien nach sich ziehen“, begründet Jungblut.

Konstruktive Bewertung

Die VGAM besteht bereits seit 1997 und zählt 90 Mitglieder. „Unser Ziel ist es, die Allgemeinmedizin zu fördern“, so Dr. Ursula Doringer, Vizepräsidentin des Vereins. Dazu gehört es auch, den medizinischen Fortschritt kritisch, aber konstruktiv zu bewerten. Was aufgrund der Fülle an Studien, die beinahe täglich publiziert werden, für einen Praktiker allein jedoch nicht machbar ist. „Deshalb arbeiten wir diesbezüglich mit nationalen und internationalen Fachleuten zusammen“, sagt Thomas Jungblut. Solche sind etwa Univ.-Prof. Dr. Andrea Siebenhofer-Kroitzsch, Univ.-Prof. Dr. Gerald Gartlehner oder Karsten J. Jörgensen. Sie befassen sich schwerpunktmäßig mit evidenzbasierter Medizin. Gartlehner ist zudem Direktor der österreichischen Cochrane-Zweigstelle, und er beschäftigt sich auch insbesondere mit dem Screening. „Diese Fachleute bereiten wissenschaftliche Daten anwendbar auf“, beschreibt Jungblut den Benefit der Kooperation.

Mit Zahlen unterlegt

Auch die Patientenbroschüren zum Mammografie- und PSA-Screening tragen die Handschrift der Experten. Die Inhalte sind jedoch lesbar, verständlich und mit Zahlen unterlegt. Was laut Ursula Doringer deshalb von Bedeutung ist, weil sie dem Patienten eine bessere Nutzen-Risiko-Gewichtung ermöglichen. Beim PSA-Screening, das zur Früherkennung des Prostatakrebses beitragen soll, müssen laut ERSCP-Studie, um einen Mann zu retten, 48 Männer operiert werden. „Darunter sind auch solche, bei denen sich der Krebs nie bemerkbar gemacht hätte“, gibt Thomas Jungblut zu bedenken. Noch ein Argument führt der Arzt ins Treffen: „Die Gesamtsterblichkeit bleibt trotz Screening gleich.“ Diese Tatsachen gelten im Übrigen auch für das Brust-Screening.

Differenzierte Aufklärung

Bei den Männern entscheidet sich nach solchen Informationen ein beträchtlicher Teil gegen das Screening, bei den Frauen ist dieser Teil geringer. „Zwischen 60 und 69 Jahren bringt das Brustscreening den größten Nutzen und kann tatsächlich Leben retten“, räumen Jungblut und Doringer ein. Gleichzeitig fallen die durchschnittlichen Überdiagnosen mit 1:10 relativ hoch aus.

Aus diesen Gründen wird der niedergelassenen Kollegenschaft empfohlen, Patienten entsprechend differenziert aufzuklären sowie nach Lektüre der jeweiligen Broschüre noch offene Fragen im persönlichen Gespräch zu diskutieren. Beim Großteil der Vorsorgepatienten kommen die Informationsunterlagen gut an, so die bislang gemachten Erfahrungen.

Screenings können zu einer im Allgemeinen unterschätzten Zahl an Überdiagnosen. führen.

thomas Jungblut

Stichwort. Screening

Unter Screening (englisch für Durchsieben) versteht die Medizin eine Reihenuntersuchung von Bevölkerungsgruppen ohne Krankheitssymptome, um festzustellen, ob einzelne Personen eine bestimmte Erkrankung haben oder ob ein Risiko dafür besteht. Screenings werden bei Krankheiten durchgeführt, bei denen eine Früherkennung möglich ist. Die Treffergenauigkeit variiert stark. Bei keiner Methode ist es vermeidbar, dass ein Teil der krankhaften Befunde nicht erkannt wird (falsch negative Befunde) und dass bei in Wirklichkeit gesunden Personen ein krankhafter Befund erhoben wird (falsch positiver Befund). Weiters werden krankhafte Befunde erhoben, die diesen Personen sonst nie aufgefallen wären und das Leben nicht beeinträchtigt oder verkürzt hätten.