Neues Leben im Hier und Jetzt

Gesund / 11.04.2014 • 11:44 Uhr
Dem Fußball ist Nino Rauch immer noch verbunden. Nur sitzt der Rapid-Fan heute im Stadion und genießt als Zuschauer.  Foto: Verlag
Dem Fußball ist Nino Rauch immer noch verbunden. Nur sitzt der Rapid-Fan heute im Stadion und genießt als Zuschauer. Foto: Verlag

Mit Willensstärke und ärztlicher Hilfe bezwang Nino Rauch seinen bösartigen Krebs.

Schwarzach. (VN-mm) Nino Rauch war 14 und ein hoffnungsvoller Nachwuchsfußballer, als ihn eine Krebsdiagnose abrupt aus dem gewohnten Leben warf. Es folgten Monate des Leidens, aber auch des Hoffens. Heute ist der Diplompsychologe 26 und gesund. Seine Geschichte hat Nino Rauch niedergeschrieben, um jenen, die in einer ähnliche Lage sind, Mut zu machen.

Zuerst: Wie geht es Ihnen?

Rauch: Vielen Dank, mir geht es sehr gut. Ich fühle mich topfit und bereite mich gerade auf den Wien-Marathon am Sonntag vor.

Gibt es noch die Angst, dass der Krebs zurückkehren könnte?

Rauch: Es ist weniger die Angst, wieder an Krebs zu erkranken als vielmehr die Angst, dass etwas passiert in meinem Leben, das von einem Tag auf den anderen alles verändert und das man nicht mehr ändern kann.

Besteht zwischen Berufswahl und Ihrer Erkrankung ein Zusammenhang?

Rauch: Nein, zumindest nicht bewusst. Natürlich führt so eine Krankheit dazu, dass man sich mit dem eigenen Leben intensiver auseinandersetzt, aber ich habe mich damals entschieden, Psychologie zu studieren, um Mentaltrainer zu werden und mit Fußballern arbeiten zu können. Ich wollte selbst Profifußballer werden und mich absichern, falls ich es nicht schaffe, dass ich zumindest im Bereich des Fußballs tätig sein kann.

Was hat Sie bewogen, Ihre Geschichte aufzuschreiben?

Rauch: Ich habe schon während der Chemotherapie gesagt, dass ich, wenn ich das überstehe, das Leben genießen werde. Das war jedoch überhaupt nicht der Fall. Ich bin schnell zurück in den Alltag, habe härter trainiert als zuvor und das alles nie aufgearbeitet. Ich habe bereits 2010/11 mit dem Gedanken gespielt, ein Buch zu schreiben und das St.-Anna-Kinderspital kontaktiert. Als sie zurückgerufen haben, saß ich in einem Hörsaal der Universität. Als ich „St.-Anna-
Kinderspital“ hörte, bin ich fast kollabiert, weil ich sofort dachte, ich bin wieder erkrankt. Dabei haben sie nur wegen dem Buchprojekt angerufen. Da merkte ich, dass da noch viel ist, was nicht aufgearbeitet wurde. Das war eine Triebfeder. Dann wollte ich eine Einsicht geben, wie sich ein Kind fühlt, das an Krebs erkrankt. Das Buch soll auch jenen, die eine ähnlich schwere Krankheit haben, helfen und zeigen: Es ist schwer und intensiv, kann aber gut ausgehen und einem viel mitgeben.

Konnten Sie mit 14 überhaupt realisieren, was die Diagnose Krebs bedeutet?

Rauch: Für einen 14-Jährigen sind das Wort und überhaupt eine Krankheit weit weg. Ich habe mich sehr lange gewehrt, wollte es nicht wahrhaben. Spätestens nach dem ersten Chemoblock, als mir die Haare ausgefallen sind und die Muskeln sich zurückgebildet haben, erkannte ich den Ernst der Lage. Der entscheidende Moment war sicher, als im Nebenzimmer ein Kind gestorben ist. Da wusste ich: Jetzt geht es ums Überleben.

Was waren die schlimmsten Momente, welches schöne?

Rauch: Es gab sehr viele schlimme Momente. Zunächst die drastischen körperlichen Veränderungen. Ich war es gewohnt, meinen Körper zu fordern, zu trainieren. Dann hatte ich plötzlich Probleme, die Stiegen im Haus hinaufzugehen. Allgemein den körperlichen Verfall miterleben zu müssen ohne dagegen ankämpfen zu können, war furchtbar. Auf einer Station „gefangen“. Die Mutter weinen zu sehen. Tag für Tag neue Untersuchungen: Irgendwann fühlte ich mich nur noch als Objekt, an dem herumexperimentiert wird, auch wenn es nicht so war. Es gab auch schöne Momente. Mein damaliger Trainer, Christian Brosig, und mein Freund, Franz-Josef, besuchten mich im Spital und überreichten mir ein Trikot mit meiner Lieblingsnummer 7. Auf diesem haben alle Mitspieler und Mitschüler unterschrieben. Ich erinnere mich auch an ein Länderspiel der österreichischen Nationalmannschaft, welches ich im Fernsehen sah. Als die Bundeshymne erklang, habe ich mich auf dem Fußballplatz stehend gesehen. Dies hat mich sehr motiviert.

Haben Sie sich gefragt „Warum gerade ich?“

Rauch: Nein, diese Frage habe ich mir nie gestellt. Ich wusste, dass sie mich nicht weiterbringt. Ich habe schon früh gelernt, dass Ungerechtigkeiten passieren, die nicht zu ändern sind und Vergleiche meistens sehr schnell unglücklich machen.

Wer gab Ihnen in dieser Zeit den nötigen Rückhalt?

Rauch: In erster Linie meine Mutter, die mit mir das etwa 10 Quadratmeter große Zimmer teilte, sowie meine ganze Familie. Es war anfangs nicht leicht, ich war mitten in der Pubertät, und so kam es oft zu Reibungspunkten. Ich wollte nicht bemuttert, sondern als Erwachsener gesehen werden. Doch aus der Natur der Sache heraus konnte meine Mutter natürlich nicht anders. Dann haben mir meine Ziele großen Rückhalt geboten. Mir war klar, dass ich noch viel erreichen möchte und ich alles dafür tun werde, mir dies zu ermöglichen.

Wie haben Sie das Krankenhauspersonal empfunden?

Rauch: Als unpersönlich. Die Untersuchungspläne verfolgend sind sie ihren Pflichten nachgegangen. Heute weiß ich, dass die Ärzte mein Leben gerettet haben, nur manchmal würde etwas mehr Empathie und eine bessere Kommunikation vieles vereinfachen.

Hat die Krankheit Ihr Leben verändert?

Rauch: Die Krankheit hat mein Leben zum Positiven wie zum Negativen verändert. Das Positive, im Nachhinein gesehen, war sicher die Willensstärke, die ich von damals mitgenommen habe. Auch wenn es mir nicht immer gelingt, bin ich jemand, der im Hier und Jetzt lebt und den Moment genießen kann.

Welche Botschaft haben Sie für Betroffene, welche für Angehörige?

Rauch: Wichtig ist, in harten Zeiten Vertrauen in die eigene Willensstärke und Kampfkraft zu haben. Nie den Glauben an sich zu verlieren und zu versuchen, unter all den Ratschlägen jene herauszufiltern, die für einen selbst am besten geeignet sind. Wichtig ist, den Ärzten zu vertrauen, aber nicht alles unkommentiert oder ohne zu hinterfragen über sich ergehen zu lassen. Und wichtig ist es, die Hilfe der Angehörigen anzunehmen und sich der Situation zu stellen, so gut es geht von Tag zu Tag zu sehen, nach vorne zu blicken und sich Ziele zu stecken.

Nino Rauch: Leben ohne Ende; Verlag edition a, Preis: 19,95 Euro