Wenn plötzlich alles in die Hose geht

Gesund / 07.03.2014 • 11:13 Uhr
Oberärztin Dr. Kerstin Rautenberg fand im Cubus in Wolfurt ein sehr interessierte lauschendes Publikum vor.  Fotos: vn/paulitsch
Oberärztin Dr. Kerstin Rautenberg fand im Cubus in Wolfurt ein sehr interessierte lauschendes Publikum vor. Fotos: vn/paulitsch

Harninkontinenz gilt trotz guter Therapie-optionen immer noch als Tabuthema.

wolfurt. (VN-mm) Die Blase: klein, aber komplex. Funktioniert sie aus irgendwelchen Gründen nicht, ist die Lebensqualität deutlich gestört. Betroffene ziehen sich zurück, meiden die Öffentlichkeit aus Angst, plötzlich mit nasser Hose dazustehen, ja sie richten sogar ihre Wege nach dem Vorhandensein von Toiletten aus. Ein unwürdiges Dasein, und trotzdem stellt Harninkontinenz immer noch ein Tabu dar, wie Primar Dr. Andreas Reissigl bei seinem Mini Med-Vortrag ausführte. Als Folge davon bleibt das Problem oft unerkannt und unbehandelt. Dabei gibt es inzwischen gute Therapiemöglichkeiten, zum Beispiel das als Faltenkiller bekannt gewordene Botox. Seinen Einsatz bezeichnete der Leiter der Urologie des LKH Bregenz als „erfolgversprechendes Rezept“.

Hohe Betroffenheit

Zum Auftakt des Mini Med-Frühjahrssemesters im Cubus in Wolfurt gab es vom Referenten, der gleichzeitig auch einer der Studienleiter ist, aber erst einmal ein dickes Lob für das gesundheitsbewusste Publikum. Seit dem Start der Vortragsreihe 2005 wurden über 155 Vorträge abgehalten, die sage und schreibe 45.000 Besucher anzogen. „Damit liegt Vorarlberg im Vergleich zu den anderen Bundesländern und Südtirol, wo ebenfalls Mini Med-Veranstaltungen stattfinden, ganz vorne“, stattete Andreas Reissigl mit dieser erfreulichen Botschaft dem treuen Publikum seinen aufrichtigen Dank ab. Dann stand jedoch wieder medizinische Wissensvermittlung auf dem Abendprogramm. OÄ Dr. Kerstin Rautenberg wartete gleich zu Beginn ihres Referats mit dramatischen Zahlen auf. Denen zufolge müssen in Österreich rund 850.000 Frauen und 100.000 Männer mit einer überforderten Blase zurechtkommen. Betroffen von einer „Blasenschwäche“, so der volkstümliche Ausdruck für eine Harninkontinenz, sind alle Altersgruppen. Eine Harninkontinenz bezeichnet den Verlust oder das Nichterlernen Urin zu speichern sowie Zeitpunkt und Ort der Entleerung nicht selbst bestimmen zu können. Es gibt verschiedene Formen der Inkontinenz, wobei die Belastungs- und Dranginkontinenz am häufigsten vorkommen. Harninkontinenz ist zudem eine Erkrankung des Alters. In Altenheimen etwa liegt die Rate der Betroffenen bei 40 Prozent.

Diagnosemöglichkeiten

Die Blase selbst besteht aus verschiedenen Schichten. Der Ablauf von Speicher- und Entleerungsfunktion wird durch Gehirn und Rückenmark gesteuert. Liegt eine Störung vor, kann die Blase überreagieren, der Mensch verliert ohne sein Zutun Harn. „Aus einer guten Anamnese kann der Arzt schon viel heraushören“, erklärte Dr. Kerstin Rautenberg den Anfang der Diagnosekette. Auch ein sogenanntes Miktionsprotokoll, also das Aufzeichnen der Trinkgewohnheiten über 24 Stunden, gibt wertvolle Informationen. Zusätzliche Diagnosemethoden sind die Harnuntersuchung, die Messung des Harnflusses (Uroflowmetrie), der Ultraschall sowie die Blasenspiegelung.

Konservativ vor operativ

Anschließend ging die im LKH Bregenz tätige Urologin auf die Belastungsinkontinenz ein. Die ist gegeben, wenn es bei körperlicher Belastung zu einem unwillkürlichen Harnabgang kommt. Die Unterteilung erfolgt in drei Schweregrade, Ursachen können eine Erschlaffung oder Überdehnung der Haltebänder und des Beckenbodens, Operationen und Übergewicht sein. Vor allem Frauen sind laut Rautenberg von Belastungsinkontinenz betroffen. Vor jeder operativen Intervention steht die konservative Therapie. „Sie wird immer zuerst empfohlen“, betonte Kerstin Rautenberg. Dazu zählen die Gewichtsreduktion (falls erforderlich), regelmäßige Bewegung, die Regulation eines zu harten Stuhls und Beckenbodentraining. Als weitere Therapieoptionen nannte Rautenberg die Aktivierung des Beckenbodens mithilfe der Elektrotherapie sowie die Verabreichung von Medikamenten, zum Beispiel lokale Östrogengaben. „Ihr Einsatz ist jedoch begrenzt“, räumte sie ein.

Die erste Wahl bei operativen Methoden sind bei Frauen das Einbringen spezieller Bänder zur Verstärkung des Beckenbodens, bei Männern übernehmen kleine, nachfüllbare Ballons diese Aufgabe. Die letzte Lösung stellt der künstliche Schließmuskel dar. „Es gibt also ein breites Spektrum an Behandlungen. Unsere Aufgabe ist es, die beste für den Patienten herauszusuchen“, schloss OÄ Dr. Kerstin Rautenberg ihren kurzweiligen Vortrag.

Primar Dr. Andreas Reissigl.
Primar Dr. Andreas Reissigl.
Primar Dr. Andreas Reissigl.
Primar Dr. Andreas Reissigl.
Oberärztin Dr. Kerstin Rautenberg fand im Cubus in Wolfurt ein sehr interessiert lauschendes Publikum vor.  Fotos: vn/paulitsch
Oberärztin Dr. Kerstin Rautenberg fand im Cubus in Wolfurt ein sehr interessiert lauschendes Publikum vor. Fotos: vn/paulitsch