Ein Thema und viele Thesen

Gesund / 05.04.2013 • 10:15 Uhr
Der Cubus in Wolfurt vermochte die vielen Mini Med-Besucher kaum zu fassen. Den Referenten freute das große Interesse. Fotos: VN/Hartinger
Der Cubus in Wolfurt vermochte die vielen Mini Med-Besucher kaum zu fassen. Den Referenten freute das große Interesse. Fotos: VN/Hartinger

Frage nach der Freiheit des menschlichen Willens bleibt Antworten noch schuldig.

Wolfurt. (VN-mm) Da war selbst er, der großes Publikum gewohnt ist, baff. Rund 600 Besucher lockte der Mini Med-Vortrag von Primar Reinhard Haller in den Cubus nach Wolfurt, wo sich alles um die Frage drehte: Wie frei ist der menschliche Wille? Gleich zu Beginn stellte der Psychiater klar, dass auch er darauf keine schlüssige Antwort hat. Ganz einfach, weil es keine gibt.

Schon die größten Dichter, Denker, Philosophen und Wissenschafter haben sich daran die Zähne ausgebissen. Fazit des Mini Med-Abends: Der Mensch kann daran glauben, dass er Herr seines Willen ist oder nicht. Einen wirklichen Beleg gibt es bislang weder für das eine noch das andere.

Vielschichtig

Philosophisches als Gegensatz zu meist handfesten medizinischen Fakten: Den Mini Med-Studenten kam die Abwechslung sichtlich gelegen, wie der Zustrom zeigte. Eine Rolle mag auch der Referent gespielt haben. Schließlich ist Reinhard Haller bekannt für seine humorigen wie kurzweiligen Vorträge. Und er enttäuschte die Zuhörer nicht. Mit interessanten Thesen und spannenden Geschichten aus dem beruflichen Alltag hielt er sie gekonnt bei der Stange. Ebenso wenig verhehlte er seine Freude über das enorme Interesse an der Thematik. „Das hätte ich mir nicht gedacht“, merkte Haller sympathisch offen an.

Als Psychologe fand er aber eine Erklärung für die Neugier: „Viele würden gerne wissen, ob wir Herr im eigenen Haus oder nur Marionetten sind und ob sich der menschliche Wille tatsächlich beeinflussen lässt.“ Reinhard Haller führte als Beispiel die Werbeindustrie an. Für sie sind jene Kunden interessant, die nicht wollen. Auch in politischen Diskussionen spiele die Frage nach der Willensfreiheit eine Rolle. Wie die Geschichte lehrte, können charismatische Personen den menschlichen Willen stark beeinflussen. Besonderes Gewicht erhält die Frage außerdem im Zusammenhang mit dem Rechtssystem, wo es um nicht mehr und nicht weniger als die Verantwortung für strafbare Handlungen geht.

Eines dazu gleich vorweg: Laut Reinhard Haller gibt es keine anerkannte Definition für den Begriff des freien Willens, sondern lediglich den Versuch einer Darstellung, die da lautet: Mit Willensfreiheit ist die menschliche Fähigkeit gemeint, zwischen verschiedenen Optionen zu entscheiden. Für Haller wie für Hirnforscher ist das „so nicht brauchbar“. Nach derzeitigem Stand der Dinge geht die Wissenschaft ohnehin davon aus, dass der menschliche Wille nicht frei ist. Alles sei im Gehirn vorgegeben. Tatsächlich bestehen dort sogenannte Bereitschaftspotenziale, in denen ein elektrophysiologischer Ablauf stattfindet, noch bevor der Mensch einen Entschluss fasst. Das geschieht 550 Millisekunden früher.

Das Gros der Entscheidungen läuft in der Hirnrinde ab. Von Bedeutung sind auch die Hirnkerne, deren Aufgabe das Filtern von Informationen ist. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass eine Störung fatale Auswirkungen haben kann. So wurden bei einigen der größten Gewaltverbrecher der Geschichte und Gegenwart Schädigungen an einem Kern mit dem Namen „Putamen“ festgestellt. In diesem Hirnkern ist das Mitgefühl beheimatet. „Es wird gefährlich, wenn das verloren geht“, räumte Haller ein. Gleichzeitig relativierte er die Putamen-These: „Es gibt viele Menschen mit Schädigungen an diesem Kern, trotzdem werden sie nicht straffällig.“

Nachweise fehlen

Die moderne Wissenschaft sieht dennoch alles menschliche Verhalten durch hirnbiologische Prozesse verursacht. Auch strafbare Handlungen. Haller widersprach: „In keinem Experiment konnte bislang anhand neurobiologischer Befunde das exakte Verhalten einer Person vorhergesagt werden.“ Selbst bei klar definierbaren Erkrankungen wie der Schizophrenie sei es trotz der enormen Fortschritte in der funktionellen Bildgebung noch nicht gelungen, Abweichungen im Gehirn nachzuweisen. Ebenso wenig dürfe strafbares Verhalten auf Hirnprozesse reduziert und als generell krankhaft definiert werden, „nur, weil wir uns nicht vorstellen können, dass gesunde Menschen zu Massentötungen fähig sind“, nannte Haller ein Beispiel.

Was an Erkenntnissen zur Willensfreiheit vorliegt, ist für den Psychiater „ein kleines Glied in einer langen Kette, deren Ende wir nicht kennen“. So bleibe es letztlich wohl eine Glaubensfrage. Etwas Praktisches hatte Reinhard Haller dann doch noch zur Hand, nämlich das Prinzip alternativer Handlungsmöglichkeiten. „Wir können prüfen, ob es möglich gewesen wäre, anders zu handeln“, sagte er. Wobei Restzweifel selbst da bleiben.

Primar Reinhard Haller wusste das Publikum wahrlich zu fesseln.
Primar Reinhard Haller wusste das Publikum wahrlich zu fesseln.

Historische und moderne Aspekte zum Thema

» Platon, Aristoteles und die Stoa: „Wille ist im Gegensatz zum Trieb wohlbegründetes Streben.“

» Buch Daniel: „Ein allmächtiger Gott setzt sich gegen Zufälle durch.“

» Psychoanalyse: „Es gibt keine Willensfreiheit, sie ist eine infantile Erfindung der Selbstidealisierung.“

» Albert Einstein: „Gott würfelt nicht.“

» Gerhard Roth: „Das Gefühl, bei der Willensbildung und der Handlungsentscheidung frei zu sein, ist eine Illusion, wenngleich eine für unser komplexes Handeln notwendige Illusion.“

» Wolf Singer: „Just im Augenblick der Handlung konnte das Gehirn zu keiner anderen Entscheidung kommen, gleichgültig, wie viele bewusste oder unbewusste Faktoren tatsächlich dazu beigetragen haben.“