Über die seelenlose Medizin

Trotz wissenschaftlichem Fortschritt werden Patienten noch oft falsch behandelt.
Schwarzach. Er habe dieses Buch schreiben müssen, sagt Primar Manfred Stelzig. Zu viel läuft seiner Ansicht nach in der Medizin schief. Vor allem, wenn es um die Psychosomatik geht, die nach wie vor kaum Berücksichtigung findet und Betroffene dadurch in lange Patientenkarrieren getrieben werden.
Selbstkritik ist nicht unbedingt die Stärke von Ärzten. Wie viel Überwindung hat es Sie gekostet, den Finger in diese Wunde zu legen?
Stelzig: Es hat mich sehr viel Überwindung gekostet, weil ich viele Kollegen sehe, die sich wirklich bemühen. Da wollte ich niemanden kränken. Andererseits sind diese Phänomene wie krank ohne Befund oder Doktorhopping so ausgeprägt und belastend für Betroffene, dass ich der Meinung war, Stellung beziehen zu müssen. Es ist mir nicht leichtgefallen, und ich habe einige Jahre mit mir gekämpft. Doch nachdem sich die Dinge nicht wirklich verbessern, sondern im Gegenteil, die ärztliche Zeit immer knapper wird, musste ich gegensteuern.
Wie war die Reaktion der Kollegenschaft auf dieses Buch?
Stelzig: Großteils positiv, was für mich zwar nicht überraschend kam, aber ich hatte doch mehr Kritik erwartet. Offenbar haben sich sehr viele Kollegen in diesem Buch wiedergefunden. Die Psychomedizin nimmt einen zu geringen Stellenwert ein, lautete die durchgängige Meinung. Und: Man muss etwas am System ändern, die Arbeit besser bezahlt werden. Wenn man die Tätigkeit ernst nimmt, dafür aber nur 13 Euro für 10 Minuten bzw. 20 Euro für 20 Minuten erhält, kann man früher oder später Konkurs anmelden.
Was haben die Patienten zu diesem Buch gesagt?
Stelzig: Deren Reaktionen waren überwältigend, enthusiastisch, dankbar. Viele Menschen haben mir geschrieben oder mich angerufen und erklärt, dass ihre Behandlung genauso abgelaufen sei.
Ist die Erwartungshaltung vieler Patienten nicht zu groß in das, was die Medizin tatsächlich leisten kann?
Stelzig: Das Feine an dem Buch ist, dass ein prinzipielles Umdenken auch vom Patienten eingefordert wird. In der herkömmlichen Medizin wird die Verantwortung noch häufig an den Arzt delegiert. Er soll ein Medikament verschreiben und die Krankheit soll verschwinden. In vielen Bereichen kann das die Medizin noch leisten. In dem Bereich, wo es um psychosomatische Erkrankungen geht, ist das nur möglich, wenn sich beispielsweise eine Depression in organischen Beschwerden ausdrückt. Dann lässt sich mit Medikamenten etwas bewirken. Aber im Prinzip ist es so, dass wir alle miteinander den Umgang mit Stress und Gesundheit lernen müssen, um im Gleichgewicht zu bleiben.
Wie stehen Sie zu Burn-out? Echt oder nur eine Modeerscheinung?
Stelzig: Ich bin über den Begriff sehr froh, denn damit ist endlich ein Name gefunden worden, mit dem sich Betroffene identifizieren können. Weil sie etwas geleistet haben und das nun die Folge dieser Verausgabung ist. Auf der anderen Seite muss man als Psychiater und wissenschaftlich orientierter Mensch den Begriff natürlich hinterfragen. Hinter Burn-out stecken sehr unterschiedliche Krankheitsbilder. Aber es gibt sie schon, diese Burn-out-Entwicklung: Familie und Freunde werden vernachlässigt, leistungsorientiertes Funktionieren steht im Vordergrund. Das macht den Menschen hohl, er wird krank. In den ganzen Topf werden allerdings auch Depressionen und Erschöpfungszustände geworfen. Den Unterschied muss der Fachmann in der Differenzialdiagnose erkennen.
Warum verweigern sich Ärzte immer noch der Psychosomatik? Oder täuscht der Eindruck?
Stelzig: Keineswegs. Das ist auch ein wesentlicher Grund, warum ich dieses Buch geschrieben habe. Psyche und Seele müssen wieder Platz finden in der Medizin.
Was muss passieren, damit sich diese Einstellung ändert?
Stelzig: Vorrangig wäre es, diesen Bereich in die medizinische Ausbildung zu integrieren. Wenn man das nicht lernt, wenn die Ausbildung eine freiwillige Leistung darstellt, die man selber zahlen muss, ist das ein Mangel. Und wenn man sich nicht auskennt oder gerüstet fühlt, wie soll man dann ein Gespräch mit einem Patienten führen und zur richtigen Diagnose kommen? Sie ist Grundlage einer jeden Therapie. Der Patient muss das Gefühl haben, richtig geleitet zu werden.
Müssten nicht auch die Menschen im Sinne einer guten seelischen Gesundheit ihre Selbstverantwortung besser wahrnehmen?
Stelzig: Absolut. Das fordere ich natürlich ein. Der mündige Patient kommt zum Arzt und sagt, was er untersucht haben möchte. Ebenso muss sich der mündige Patient dem Phänomen krank ohne Befund öffnen und fordern, dass er gut abgeklärt wird.
Funktioniert das?
Stelzig: Da sind wir auch noch ziemlich weit davon entfernt. Es wäre mein Wunsch, dass Menschen miteinander darüber reden. Es muss klarer werden, dass die Psyche einen enormen Stellenwert hat. 20 Prozent der Patienten von Allgemeinmedizinern leiden an psychosomatischen Beschwerden. In Diskussionen mit Entscheidungsträgern stelle ich immer wieder fest, dass sie gar nicht glauben, dass wir in einer solch kranken Gesellschaft leben. Erst, wenn jemand arbeitsunfähig ist, wird das bewusst. Dann ist es zu spät.
Was machen Sie anders oder besser?
Stelzig: Es ist nicht so kompliziert. Wir selbst haben Gesundheitskonzepte in uns. Wir wissen genau, was uns guttut. Die Therapie muss sich mit diesen biologischen Programmen verbünden und dafür sorgen, dass die gemachten Fehler ausgebessert bzw. verändert werden. Oft muss man auch relativ weit zurückgehen in der Biografie eines Patienten, um zu erkennen, wann und wo es noch gepasst hat, und die Mängel dann im Rahmen der Psychotherapie korrigieren. Das Schlimmste allerdings ist, dass Psychotherapie nach wie vor nicht bezahlt wird.
Zur Person
Primar Dr. Manfred Stelzig
Der Facharzt für Psychiatrie und Neurologie hat sich inzwischen einen Namen als Buchautor gemacht
Geboren: 1952 in Wien
Werdegang: Facharztausbildung für Psychiatrie und Neurologie, Psychotherapeut für Psychoanalyse und Psychodrama, Lehrbeauftragter am Moreno-Institut in Überlingen (D), seit 1991 an der Uniklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Salzburg tätig, Lehrbeauftragter an der Privaten Medizinischen Paracelsus-Universität Salzburg, der Donau-Universität Krems und der Universität Innsbruck
Bucherscheinungen „Was die Seele glücklich macht“, „Keine Angst vor dem Glück“, „Krank ohne Befund“.
Buchtipp: Manfred Stelzig: Krank ohne Befund; Ecowin Verlag;
Februar 2013; Preis: 21,90 Euro