Gierig nach gesunder Kost

Gesund / 25.01.2013 • 11:08 Uhr
Menschen mit Orthorexi wählen ihre Nahrungsmittel übertrieben sorgfältig aus. Foto: shourot
Menschen mit Orthorexi wählen ihre Nahrungsmittel übertrieben sorgfältig aus. Foto: shourot

Orthorexi ist eine besondere Form der Essstörung. Risiko einer einseitigen Ernährung.

Bedenklich. Ein Cheesburger ist für sie der Inbegriff des Ekels. Orthorektiker essen Vollwertkost, kaufen in Bioläden ein und meiden Lebensmittel mit künstlichen Zusatzstoffen. Soweit, so gut. Bedenklich wird es allerdings, wenn sich die Welt nur noch und ausschließlich um gesundes Essen dreht.

Harmloser Beginn

Wie hoch soll der Proteinanteil sein? Welche Fette sind gesund? Darf ich abends Kohlenhydrate essen? Welche Zusatzstoffe gibt es und wo sind sie enthalten? Orthorexie fängt harmlos an. Natürlich ist nicht jeder, der vernünftig isst, ein Orthorektiker. Und grundsätzlich ist es auch nicht falsch, sich über seine Ernährung Gedanken zu machen. Bei manchen Menschen wird das aber zu einer zwanghaften Handlung. Wer unter Orthorexie leidet, ist fixiert auf gesundes Essen. Orthorektiker fühlen sich als Sachverständige in Ernährungs- und Warenkunde. Ungesunde Nahrungsmittel, oder solche, die auch nur ungesund sein könnten, werden nach Möglichkeit komplett vermieden. Das kann negative Auswirkungen haben. Wenn jemand beispielsweise keine Einladung zum Essen mehr annimmt, sich weigert, in einem Restaurant zu essen, weil ihm die Zutaten verdächtig vorkommen, seine Freundschaften aufgibt und sich auf diese Weise mehr und mehr isoliert, dann liegt der Verdacht nahe, dass es sich um eine Störung handelt.

Mangelerscheinungen

Besonders, wenn diese Personen versuchen, ihr kulinarisches Weltbild mit missionarischem Eifer auf alle Bekannten zu übertragen. Oder wenn sie zum Einkaufen dreimal so lange wie andere brauchen, weil sie bei jedem Produkt die Liste der Inhaltsstoffe sorgfältig überprüfen müssen. „Naja, wenigstens ernähren die sich gesund“, lautet ein häufiges Argument. Dem ist leider nicht so, denn durch die übertrieben strenge Auswahl der Nahrungsmittel kommt es zu extrem einseitiger Ernährung und damit früher oder später zu Mangelerscheinungen und Untergewicht. Da immer wieder Lebensmittelskandale aufgedeckt werden, wird die Bandbreite der „erlaubten“ Lebensmittel ständig kleiner. Nach und nach gibt es immer weniger Dinge, die man als Orthorektiker überhaupt noch essen „darf“. Immer strenger werden die selbst auferlegten Regeln. Gleichzeitig wird es immer komplizierter und zeitaufwändiger, eine streng makrobiotische Mahlzeit zu planen, ökologisch korrekt einzukaufen oder den Vitamingehalt von Wirsing beim Kochen zu erhalten. Genuss und Freude treten zunehmend in den Hintergrund.

Keine Therapierichtlinien

„Sich ausschließlich gesund zu ernähren, ständig Kalorien zu zählen, ungesunde, fett-, zucker- sowie kalorienreiche Speisen unter allen Umständen zu meiden, ist ein ausgeprägt kopflastiger Ernährungsstil. Dabei bleibt leider der Genuss viel zu oft auf der Strecke. Und genussvoll zu essen steigert die Bekömmlichkeit und das Wohlbefinden“, meint Ernährungswissenschafterin Mag. Angelika Stöckler.

Häufig wird Orthorexie nur als Spleen oder Marotte betrachtet. Ob es sich dabei um ein krankhaftes Geschehen oder um einen „besonderen“ Lebensstil handelt, wird daran gemessen, zu welchem Leidensdruck dieses Verhalten führt. Die wissenschaftliche Untersuchung des Phänomens hat erst begonnen. Unter Experten wird diskutiert, ob es sich um eine Essstörung, eine Zwangsstörung oder eine Angststörung handelt.

Da die Orthorexie nicht als Krankheit definiert ist, gibt es keine Richtlinien für eine Therapie. Auch Mag. Alice Mansfield-Zech von der Caritas-Ernährungsberatung bestätigt, dass es in Vorarlberg noch wenig Erfahrung mit dem „Phänomen“ Orthorexie gibt. Persönlich ist ihr nur ein Fall bekannt. „Das lässt aber nicht auf die Häufigkeit hierzulande schließen“, so Mansfield-Zech.

Stichwort

Orthorexie

Als „Erfinder“ dieser Störung des Essverhaltens gilt der amerikanische Arzt Steven Bratman. Er war selbst „besessen von gesundem Essen“ und taufte das Verhalten in Anlehnung an Magersucht und Ess-Brech-Sucht „Orthorexia nervosa“. Der Begriff leitet sich von „orthos“ = richtig, gerade und „orexis“ = Appetit ab. Die Betroffenen stehen unter dem Zwang, sich gesund ernähren zu müssen, verbunden mit dem Wunsch nach kompletter Kontrolle. Für viele Orthorektiker dient die besondere Ernährungsweise als Mittel zur Selbstverbesserung. Sie fühlen sich durch das Einhalten strenger Ernährungsvorschriften stolz und tugendhaft.