„Alle werden sich an dieses Jahr erinnern“

Für die Maturantinnen und Maturanten war die Matura im Coronajahr eine spezielle Belastung.
Schwarzach Die scheidende Landesschulsprecherin der Gymnasien in Vorarlberg, Katja Spatzek, lässt die vergangenen Wochen der Ausnahmesituation aus Maturantinnensicht noch einmal Revue passieren. Ihr Fazit: Schüler und Lehrer wurden zu lange im Ungewissen gelassen, viele Lehrer waren mit dem E-Teaching überfordert, der Maturaabschluss als Mix zwischen Jahresnote und Reifeprüfung müsse weiter getestet werden.
Wie ist es dir persönlich bei der Matura ergangen?
Spatzek Eigentlich gut, bis auf Mathe. Normalerweise lag ich da immer zwischen zwei und drei, in der Klausur schrieb ich einen Vierer. Im Abschlusszeugnis gab es dann für mich einen Dreier.
Du fandest es also gut, dass sich die Maturanote aus Jahresabschlussbewertung und Klausurnote zusammensetzt?
Spatzek Ich finde das prinzipiell eine gute Lösung, ja. Ob man nun beide Noten gleichwertig gewichtet, darüber kann man streiten. Spontan würde ich sagen, die Klausur sollte mehr zählen. Aber man soll das jetzt einige Jahre beobachten, bis man eine endgültige Lösung findet. Ganz sicher ist die Matura als Abrundung nicht wegzudenken. Sie gehört zum System.
Fühlst du dich unter den gegebenen Umständen als vollwertige Maturaabsolventin?
Spatzek Ja, das tu ich. Es hat einen Notstand in der ganzen Welt gegeben. Alle werden sich an dieses Jahr erinnern. Du musst dich nach der Matura sowieso weiterbilden. Von daher fällt der Unterschied zu einer umfassenden Matura nicht so ins Gewicht.
Was gibt es aus deiner Sicht an Vorbereitung und Ablauf der Corona-Matura zu kritisieren?
Spatzek Im Nachhinein ist man immer schlauer. Vom Ministerium kam sehr spät die Information, dass Schüler Laptops und Tablets bekommen. Das waren für viele vier verlorene Wochen. Da hätte das Ministerium schneller reagieren sollen und müssen. Es gab ganz sicher keine einheitliche Qualität beim E-Learning. Da waren Laptopklassen natürlich im Vorteil.
Wie habt ihr Schüler die Schulschließung im März erlebt?
Wir hatten im Vorfeld vermutet, dass man schließt. Aber es war, als es passierte, trotzdem ein großer Schock. Wir waren plötzlich mit einer Menge von Unsicherheiten und Ungewissheiten konfrontiert. Wir wussten nicht: Findet die Matura in der ersten Mai-Woche nun statt oder doch nicht? Wann findet sie statt? Das hat uns alle beunruhigt. Faßmann hielt zu lange am Termin Anfang Mai fest. Lange gab es überhaupt keine Informationen. Und dann plötzlich eine Flut von Pressekonferenzen, die zum Teil große Verwirrung stifteten. Den frühen Termin hätte man schon früher fallen lassen sollen. Man wusste ja um die Corona-Entwicklungen in anderen Ländern.
Wie hast du das Home Schooling bzw. Distance Learning empfunden?
Spatzek Distance Learning ist niemals ein Ersatz für den Präsenzunterricht. Für das ist unser Bildungssystem noch nicht so weit entwickelt und ausgerichtet. Corona hat dieses Problem offengelegt. Viele Schülerinnen und Schüler wurden nicht erreicht, vor allem jene in der Unterstufe. Und da wird einem klar, wie wichtig Bildung ist. Die sozialen und wirtschaftlichen Unterschiede wurden deutlich und schmerzlich sichtbar. Kinder aus ärmeren Verhältnissen waren ganz klar benachteiligt. Die Klassenatmosphäre ist nicht zu ersetzen. Distance Learning lässt nicht jene Interaktivität zu, wie das in einer normalen Unterrichtssituation möglich ist. Die Schule ist ein Lernort, welcher die notwendige Konzentration einfordert. Zu Hause wird man oft zu sehr abgelenkt.
Wie eng war während der Schulschließung der Kontakt mit Mitschülern und Lehrern?
Spatzek Bei mir fand der Kontakt fast nur über E-Mails statt. Videokonferenzen hatte ich nur zwei. Bei uns wurden nur Arbeitsaufträge ins Netz gestellt, die nach Erledigung zum Teil nicht einmal korrigiert wurden, und wenn, dann erst viel später. Da waren wohl auch die Lehrpersonen mit der Situation überfordert. Es war für die Lehrer halt auch alles neu. Ich nehme ihnen das nicht übel.
Ist dir die mündliche Matura nicht auch abgegangen?
Spatzek Wenn man wollte, konnte man ja eine mündliche Prüfung machen. Unter den gegebenen Umständen war es nachvollziehbar, dass die mündlichen Prüfungen in umfassender Form nicht stattgefunden haben. Ich persönlich empfand es nicht als Verlust, auf eine mündliche Prüfung verzichten zu müssen.
Es gab Schüler und auch Lehrer, die hätten die Matura am liebsten abgesagt und nur eine Jahresabschlussnote erhalten bzw. geben wollen. Wäre das besser gewesen?
Spatzek Unser Schulsystem ist so aufgebaut, dass es Prüfungen als Leistungsnachweis braucht. Für leistungsschwächere Schüler wäre es fairer gewesen, einfach eine Abschlussnote zu bekommen. Die waren durch die fehlende digitale Ausstattung im Nachteil. Aber es war eh klar: Faßmann wird uns nicht ohne Matura ziehen lassen. So gesehen war das, was gemacht wurde, okay.
Die Matura ist oft das letzte große Gemeinschaftserlebnis einer Klasse. Inwiefern konntet ihr das noch zelebrieren?
Spatzek Vor der Matura hat dieses Gemeinschaftserlebnis und die gegenseitige Unterstützung schon gefehlt. Immerhin kam noch ein Valet zustande, das wir in der Inatura abhielten. Das war ein schöner Abschluss, bei dem wir als Klasse noch einmal zusammenkommen und uns auch von den Lehrpersonen verabschieden konnten.
Wohin führt dich deine persönliche Zukunft?
Spatzek Ich gehe nach Innsbruck und fange dort an Jus und Soziologie zu studieren. Im Herbst beginnt für mich ein neues Leben.
„Aber es war eh klar: Faßmann wird uns nicht ohne Matura ziehen lassen.“