Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit

Gedanken im Buddhismus zum Umgang mit der Covid19-Krise.
Kloster Idyllisch liegt es da, das buddhistische Kloster auf der Letze, oberhalb von Feldkirch. Es wirkt freundlich und einladend, Gäste sind willkommen. Zurzeit ist das Kloster jedoch geschlossen, lediglich der Tempel steht Besuchern offen. „Wir richten uns nach den gesetzlichen Vorgaben und warten mit der Öffnung, bis diese durch die Regierung wieder genehmigt wird“, erklärt Helmut Gassner, Gründer und Leiter des buddhistischen Klosters.
Ungewöhnliche Biografie
Helmut Gassners Lebensweg ist recht ungewöhnlich. Er studierte Elektrotechnik an der ETH Zürich. In dieser Zeit kam es zu einer Begegnung mit dem tibetisch-buddhistischen Mönch Gesche Rabten, die ihn nachhaltig beeinflusste. Er war überrascht, im Buddhismus Erklärungen mit sehr genauer Logik als auch die Aufforderungen, diese gründlich zu analysieren, zu finden – für ihn als angehenden Ingenieur eine faszinierende Herangehensweise. Gassner begann Tibetisch zu lernen und Vorträge von Rabten zu übersetzen. 17 Jahre lang war er Dolmetscher für den Dalai Lama bei dessen Besuchen im deutschsprachigen Raum. Er übersiedelte nach Indien und arbeitete dort 15 Jahre als Übersetzer für die Reden des Dalai Lama.
Den Letzehof erhielt Gassner auf dem Erbweg, dort gründete er ein buddhistisches Kloster und Studienzentrum. Im Schnitt leben zehn bis zwölf Mönche dort, momentan auch zwei buddhistische Nonnen. Man muss jedoch nicht Mönch oder Nonne sein, um den Buddhismus zu studieren. Menschen unterschiedlichster Nationen studieren einige Monate oder Jahre dort und entscheiden sich dann, Mönch oder Nonne zu werden – oder eben nicht. Die Mönche werden oft zu Gebeten eingeladen oder dazu, Vorträge zu halten oder Unterricht zu geben. Ihr Wirkungsgebiet reicht von Linz über Zürich und Basel bis nach München.
Spiritueller Ort
Es ist ein ganz besonderer Ort, der Letzehof. Das Studium des Buddhismus nimmt viele Jahre in Anspruch. In unserer schnelllebigen Zeit wird immer mehr deutlich, wie wichtig es ist, sich zurückzunehmen und über die Dinge des Lebens nachzudenken. „Gier und Anhaftung sind heute besonders stark, was unweigerlich unerwünschte Wirkungen mit sich bringt. In der westlichen Welt ist man viel zu sehr mit Dingen verbunden. Diese ganzen Anhaftungen sind für uns sehr verhängnisvoll. Eine wirkungsvolle Art dies abzuschwächen ist die Auseinandersetzung mit dem Tod und der Vergänglichkeit. Sich bewusst zu sein, dass man nur eine beschränkte Zeit lebt. Jeder Tag den man lebt, ist eine Verringerung der Lebensspanne. Wenn man sich das immer wieder, jeden Tag, bewusst macht, dann wird man erkennen, was im Leben wirkliche Bedeutung hat. Das ist aber nicht nur ein Ratschlag des Buddhismus, sondern auch des Christentums“, betont Helmut Gassner.
Auseinandersetzung mit Existenz
Gerade in Krisenzeiten wie diesen gelte es sich zurückzunehmen, Gebete zu rezitieren und vor allem der Natur wieder mehr Beachtung zu schenken. Im Buddhismus wird kollektives negatives Karma als eigentliche Ursache für den Ausbruch der Coronapandemie gesehen, der lieblose Umgang der Menschen mit ihrer natürlichen Umgebung und schlussendlich auch mit sich selbst fordert seinen Tribut.
Wobei im Buddhismus nicht von „Schuld“ die Rede ist, ein solches Wort existiert nicht im Tibetischen. „Alle unsere Handlungen haben auch eine langfristige Wirkung. Seuchen sind nichts Neues, es gab sie immer wieder im Laufe der Geschichte. Anteilnahme an den notleidenden Menschen ist angebracht, Mitgefühl und Achtsamkeit. Es ist eine ganz reelle, existenzielle Bedrohung, die jetzt herrscht und die nicht nur alte Leute betrifft. Diese Krise führt uns die Zerbrechlichkeit unserer Existenz vor Augen und kann uns insofern wieder bewusst machen, was im Leben wirklich zählt“, betont Helmut Gassner abschließend. Er selbst hält sich derzeit noch im buddhistischen Kloster am Genfersee auf, nach Öffnung der Grenzen wird er wieder auf die Letze zurückkehren. BI