Lage der Vorarlberger Gletscher spitzt sich weiter zu

Überdurchschnittlicher Längenrückgang des Ochsentaler Gletschers. Experte ortet bedrohliche Situation.
Bürserberg Seit Jahren das gleiche Bild: Wieder hat sich der Ochsentaler Gletscher in der Silvretta zurückgezogen. 45,9 Meter waren es laut Gletscherbericht des Alpenvereins im Vorjahr – deutlich mehr als der österreichweite Schnitt, der bei 15 Metern liegt. Durchgeführt werden die Längenmessungen seit fast 50 Jahren von Günther Groß (72), der mittlerweile von einer bedrohlichen Situation spricht. Die warmen Sommer setzen den Eismassen zu. Seit der Rekordhitze 2003 schmilzt das gefrorene Nass rasant dahin. Bei Vorarlbergs größtem Gletscher findet derzeit auch die größte Veränderung statt, da sich der Ochsentaler Gletscher über den markanten Gletscherbruch zurückzieht. “Das macht es auch sehr schwer, den Rückgang genau zu beziffern”, sagt Groß. An einigen Stellen sind es fast hundert Meter, an anderen etwas weniger: im Schnitt eben jene aktuell ermittelten 45,9 Meter. Dabei hatte Neuschnee im Vorjahr bereits im September die Abschmelzung frühzeitig beendet.

Ochsentaler Gletscher – Aufnahme aus dem Jahr 1973. Groß

Die Messungen finden traditionell im Spätsommer statt, zuletzt im September 2020. Günther Groß erinnert sich an seine Anfänge als Gletschermesser 1972, als er Zeuge eines Gletschervorstoßes wurde. Die Eismassen waren angewachsen, bis 1989 legte der Ochsentaler Gletscher 130 Meter zu. Seither hat sich das Bild gedreht. Der Rückzug scheint unaufhaltsam. 50 Gletscher gab es zum Hochstand um etwa 1890 in Vorarlbergs Bergwelt. Nur wenige sind geblieben. “Unter den gegenwärtigen Bedingungen werden nur noch rund acht Gletscher überdauern können”, zeichnet der Experte ein düsteres Szenario. Die vom Eis bedeckten Flächen sind in den Jahren von 13,5 Quadratkilometern auf unter zehn zurückgegangen.


Es ist ein fast schon historisch kühler Mai, den Vorarlberg derzeit erlebt. “Wir haben heuer günstigere Startbedingungen für die Abschmelzperiode”, sagt Groß. Am Ende entscheidet aber der Sommer, wie der Längenrückgang ausfällt. Da würden ein paar Hitzetage mehr die Mai-Temperaturen schnell wieder aufheben. Neuschneefälle in den Sommermonaten seien seltener. Damit fehlt ein Schutz für die Gletscher, die sie vor einem Abschmelzen für ein paar Wochen verschonen.
Nur wenige überdauern
Längst schmelzen Vorarlbergs Gletscher nicht mehr nur am unteren Ende, also an der Gletscherzunge. Sie werden auch durch Felsrippen und Felsinseln aufgelöst. “Die ausapernden Stellen sind sehr wirksam im Sommer, weil sie auch in größerer Höhe für eine Abschmelzung sorgen”, erklärt Günther Groß. Um den Bestand macht sich der Gletscherexperte Sorgen. Unter den derzeitigen klimatischen Bedingungen würden nur mehr Gletscher im Bereich der Silvretta überdauern, für alle anderen sei die Lage existenzbedrohend.

