Der Grandseigneur des deutschen Films ist tot

Kultur / 09.04.2026 • 12:18 Uhr
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Mario Adorf ist bei allem Ruhm ein feiner, höflicher Mensch geblieben. Ein Gentleman, der das Leben genoss und die Menschen unterhielt. John MACDOUGALL / AFP

Schauspiellegende Mario Adorf ist im Alter von 95 Jahren in Paris gestorben.

paris Mario Adorf, einer der prägendsten Schauspieler des deutschen Films, ist am Mittwoch im Alter von 95 Jahren in seiner Pariser Wohnung nach kurzer Krankheit gestorben. Noch auf dem Sterbebett bat er seinen langjährigen Manager Michael Stark, dem Publikum für jahrzehntelange Treue zu danken – eine letzte Geste, die seinen Charakter treffend spiegelt: Würde ohne Sentimentalität. Er hinterlässt seine zweite Frau Monique Faye, mit der er zuletzt in Frankreich lebte. Geboren am 8. September 1930 in Zürich als uneheliches Kind, wuchs Adorf in bescheidenen Verhältnissen auf. Sein Weg zur Schauspielerei führte über die Münchner Otto-Falckenberg-Schule, wo er das Aufnahmeexamen beinahe nicht bestanden hätte, ein einziger Prüfer rettete ihm die Karriere, weil er in dem jungen Bewerber „Kraft und Naivität” erkannte. Diese beiden Qualitäten sollten sein gesamtes Schaffen bestimmen: die sichtbare körperliche Kraft, die ihn seine Stunts stets selbst ausführen ließ, und ein Gesichtsausdruck von entwaffnender Direktheit, der ihn für komplexe, dunkle Figuren prädestinierte.

Internationale Karriere

Den Durchbruch erlebte Adorf 1957 mit Robert Siodmaks „Nachts, wenn der Teufel kam”, in dem er den mutmaßlichen Frauenmörder Bruno Lüdke verkörperte. Fortan war er auf Schurken und Bösewichte festgelegt, eine Typisierung, die er mit Verve ausfüllte. Unvergessen bleibt sein Halunke Santer im Karl-May-Klassiker „Winnetou” (1963), der Winnetous Schwester Nscho-tschi erschoss und dafür vom Kinopublikum regelrecht gehasst wurde. Adorf trug diesen Zorn mit Gleichmut: Besser, das Publikum fühlt etwas, als gar nichts.
In den 1960er-Jahren baute er eine internationale Karriere auf. Er lebte in Rom, drehte zahlreiche italienische Produktionen und genoss – nach eigenen Worten – das Dolce Vita. „Das war eindeutig die schönste Zeit meines Lebens”, erinnerte er sich. Hollywood lockte ebenfalls, doch als man ihn auf mexikanische Rollenklischees reduzieren wollte, kehrte er der Traumfabrik den Rücken.

Straßenfeger

Den Wandel zum Charakterdarsteller vollzog Adorf Anfang der 1970er-Jahre im Umfeld des Neuen Deutschen Films. Volker Schlöndorff besetzte ihn in „Die verlorene Ehre der Katharina Blum” und in der oscargekrönten „Blechtrommel”. Helmut Dietl schuf für ihn mit dem Generaldirektor Haffenloher in „Kir Royal” eine Fernsehikone, jene polternde Figur, deren Ausspruch über käufliche Loyalität Generationen von Zuschauern im Gedächtnis geblieben ist. Mehr als 200 Rollen umfasst sein Werk, darunter Straßenfeger wie „Allein gegen die Mafia”, „Der große Bellheim” und „Die Affäre Semmeling”. Er hinterlässt auch seine Tochter, die Schauspielerin Stella Maria Adorf, aus erster Ehe mit Lis Verhoeven. Das Alter nahm Adorf mit bemerkenswerter Gelassenheit. Rund um seinen 95. Geburtstag im September 2024 äußerte er erstmals öffentlich, das Leben loslassen zu wollen – ohne Klage, ohne Bitterkeit. So, wie er gelebt hatte: mit Haltung und ohne falsche Töne.